Was man im Urlaub so erlebt

Beim Inder in der Bleibtreustraße kann man nicht nur gut und preiswert essen, sondern auch immer nette interessante Menschen kennen lernen.Vorausgesetzt ist natürlich, dass man in Berlin ist und dass Sommer herrscht.Lange Tische mit Bänken vor dem Lokal geben dazu Anlass.

Ich muss ihnen mal ein Kompliment machen, sagt die Dame schräg gegenüber, ihr Oberteil sieht bezaubernd aus.  Ach, das ist schon alt, aber hier kann ich es eben tragen erwidere ich.

Ja, es ist etwas zeitlos Schönes….kommt als Antwort.

Der Himmel bewölkt, es droht ein Regenguss.  Mir ist das ziemlich egal sage ich, ich hab`s nicht weit, gleich um die Ecke.

Ist das eine gute Gegend zum Wohnen, wird gefragt.   Ich glaube schon, aber so richtig kann ich das nicht beurteilen, ich bin zur für 14 Tage hier um einen Kater zu versorgen.

Ach, sagt die Dame gegenüber, das ist ja putzig.  Ich passe auch nur auf eine Wohnung auf, eine Riesenwohnung, Altbau 230 qm im 2. Stock, allerdings mit Fahrstuhl und stellen sie sich mal vor, jetzt stirbt ganz plötzlich die Schwester des Wohnungsinhabers, gerade mal 6l.

Jetzt, wo ich mich gerade etwas eingelebt habe, muss das passieren.  Dann kommen die wahrscheinlich alle zurück, die müssen sich ja um die Beerdigung kümmern, geht ja gar nicht anders, die Schwester war alleinstehend. Ja, sie staunen – es ist natürlich makaber – dass ich jetzt um meinen Urlaub fürchte, aber ich kannte die Schwester  nicht, es tut mir leid, klar, man ist ja schließlich kein Unmensch, auch wenn uns Rheinländern immer eine gewisse Leichtigkeit nachgesagt wird…..

Kann ich mich hier noch hinsetzen, fragt ein erneuter Gast, ebenfalls eine Dame, die aber nur darauf wartet, ihre Bestellung mitzunehmen.  Sie hat Teile des Gesprächs mitbekommen und sagt nun, dass sie sich in diesem Stadtteil sehr wohl fühle – vorher habe sie im Prenzlauer Berg gewohnt, aber das sei nichts gewesen.  Zu laut, zu viele Neureiche, die glauben alles dominieren zu können usw. usw.  Auch sie hatte Urlaub – arbeitet an der Uni – und versprach an den kommenden Abenden noch einmal vorbei zu kommen und dann auch vor Ort essen zu wollen.

So geschah es denn auch.  Die Dame mit der 230qm Wohnung konnte aufatmen.  Wegen wichtiger Verwandtschaft in den USA, die nicht sofort fliegen konnte, wurde die Beerdigung um 14 Tage verschoben, was auch dem Wohnungsinhaber sehr entgegenkam.  Denn auch dieser mit Familie hatte nicht vor, seinen Urlaub zu verkürzen, also nicht wirklich  -  wie gesagt, die Amerikaner halfen ihm aus der Patsche.

Die andere Dame, die von der Uni, bestellte für uns drei so etwas wie Yogi-Tee, also irgendeinen Tee mit Milch darinnen,  ich trank nur aus Höflichkeit und versuchte meinen Ekel zu verbergen.   Um eine Wiederholung auszuschließen bestellte ich danach sofort ein Hefe-Weizenbier, was dann diesen Geschmack des Tees endgültig auslöschte.

Nun schüttelten sich die beiden anderen wohl, denn sie blieben bei Tee.

Viele philosophische Gespräche folgten – die hier aber langweilen würden.  Es sei noch erwähnt, dass beide Damen promoviert hatten, was ich mit einer längeren Lebenserfahrung aber wettmachen konnte.

Auch soll nicht unerwähnt bleiben,  dass dort auch Herren verkehren und mancher Abend ganz anders verlief.

Mila Nabel