Vielleicht hätte sie einmal klingeln sollen.

 

 Es glich einer Ouvertüre und  hatte etwas Feierliches an sich, als Annie zum ersten Mal die Flügeltüren zur Terrasse der neuen Wohnung öffnete. Sie atmete tief ein und sah sich um.  Rechts im Hof stand ein großer Nussbaum, der seine Zweige ausstreckte über die mit Teerpappe bezogenen Garagen, die hinter ihrer Terrasse lagen, das heißt eher die Fortsetzung ihrer Terrasse bildeten.

Die Entfernung der Häuser, die hinter den Höfen lagen und eine Querstraße zu ihrer Straße bildeten, musste mehr als 50 Meter sein.  Da war Annie sich sicher, denn das Schwimmbecken, in dem sie jeden morgen schwamm hatte eine Länge von 50 m  und hier war der Abstand größer, vielleicht waren es sogar 70 oder gar 100 Meter. 

Die Balkone dort gingen auch auf die Innenhöfe und während sie sich alles richtig anschaute

winkte eine Gestalt aus dem 2. Stock schräg links gegenüber.  Annie freute sich über den Gruß und winkte zurück.      Dort handelte es sich um überdachte Balkone, der, von dem gewunken wurde, hatte an der linken Außenseite quer einen Schrank stehen mit im oberen Teil verglasten Türen.

Die Gestalt – es konnte ein Mann sein, oder eine Frau, war groß, breitschultrig und auf jeden Fall alt, oder ziemlich alt.  Die Haare gingen bis zum Kinn, in der Mitte gescheitelt, stahlgrau und glatt. Die Gestalt stand nur da, die Hände am Geländer haltend.

Annie möblierte ihre Terrasse mit einem Stuhl und zwei Sesseln, die noch aus Berlin stammten, kaufte einen bunten Sonnenschirm und für das weiß gestrichene Metallgeländer, an dem die Farbe überall abblätterte,  einen Sichtschutz, blau – weiß gestreift, was der ganzen Sache etwas Maritimes gab.  Terrakotta-Töpfe, die sie kaum tragen konnte, wurden angeschafft, bepflanzt und so verteilt, dass alles aussah, wie in Italien, wo ihre Tochter wohnte.

Also auf der Erde sah es aus wie in Italien, während der Zaun eher für Ostfriesland sprach.

Doch das störte Annie nicht.

Auf ihrer Terrasse erschien die Sonne frühestens um 11 Uhr, blieb aber dann so lange, bis sie hinter den gegenüberliegenden Häusern verschwand und die Tagesschau begann.

Der Balkon schräg links und im zweiten Stock bekam die Morgensonne schon früh und es ergab sich, dass diese  so auf die Glastüren des Menschen im 2. Stock schien, dass ein Viereck von etwa 20 mal 20 cm Sonnenstrahl dort gebrochen wurde und auf Annies Terrasse den sonnigen Tag bereits ankündigte.

Eine Amsel, die sie mit Rosinen fütterte, nutzte das und nahm ein Sonnenbad.Höchstens einmal im Monat sah Annie diesen Menschen dort so, dass sie grüßen musste oder auch wollte natürlich.  Das war dann der Fall, wenn beide sinnierend am Geländer standen.Beim Blumengießen oder lesen oder stricken, guckte man nicht auf die anderen Balkone, das wäre ja noch schöner.

Das ganze erste Jahr versuchte Annie das Geschlecht des Gegenübers auszumachen.  Mal hingen dort Hemden, aber mehr T-Shirts auf Bügeln zum Trocknen, was eher für einen Mann sprach. Annie flanierte auch in der gegenüber liegenden Straße zum entsprechenden Haus, suchte möglichst unauffällig den 2. Stock und las die Namen.   Jedoch befanden sich dort nur die Nachnamen, die auch keinen Aufschluss gaben.

 Einmal nur, sah sie ihn – wahrscheinlich doch ihn – mit nacktem Oberkörper. Das war ihr aber so peinlich, dass sie es nicht fertig brachte, richtig, also auf den Busen direkt zu gucken.

Da war was, ohne Zweifel – aber die Figur war eben auch nicht schlank, hatte zum Beispiel keine Taille.  Das Gesicht war markant, also wahrscheinlich doch ein Mann.  Deshalb nannte sie ihn jetzt Molotov.   Solche Namen fielen ihr spontan ein, sie suchte nicht danach, und sie forschte auch nicht nach, ob da evtl. eine gewisse Ähnlichkeit zu einem längst verschiedenen Politiker gegeben war, möglicherweise schon, denn es handelte sich doch um Assoziationen.

 

 Nur eigenartig, das Molotov   nie auf der Straße zu sehen war.

 

   Dann kam Ostern und Annie beobachtete

hinter der Glastür, also vom Wohnzimmer aus, dass Molotov Ostereier an seine kleine Hängebirke anbrachte. Er trippelte immer wieder zu einem Karton, entnahm ganz vorsichtig nur ein Ei und brauchte zum Aufhängen etwa so viel Zeit, wie Annie zum Einfädeln des Garns in eine Nähnadel.

Das ließ sie wieder zweifeln.

Und so vergingen die Jahre.   Einmal sah sie eine junge Frau dort den Schrank öffnen und einmal auch eine Tischdecke ausschütteln.  Vielleicht eine Enkeltochter oder eine Hilfe im Haushalt.

Sylvester war es dort oben dunkel –das fiel ihr sofort auf.  

 

Doch da gibt es mehrere Möglichkeiten – man ist verreist oder man geht schon vorher schlafen.

 

Dann an einem dieser kalten Februartage, an dem es schneite und man doch fasziniert ins Gestöber guckte, sah sie ihn, es kann nur Molotov gewesen sein, denn da stand einer mit einer Pelzmütze, die Ohrenklappen ausgefahren und hielt sich am Geländer fest.

 

Alles beim Alten -  doch jetzt nicht mehr.   Schon eine Woche guckt sie auf eine leere Wohnung.  Die Fenster sind  schwarze Löcher.  Der Balkon verwaist.

Sie ist traurig.  Wirklich traurig. Molotov, ich denke an dich, wo kannst du sein – irgendwo oder doch schon ganz woanders.

Mila Nabel