Fräulein Krull

 

Als ich acht Jahre alt war, lebten wir in Magdeburg und da hatte ich bei ihr Klavierunterricht.

Sie war sehr alt und klein und dick. Ich erinnere mich gut an sie.  Sie wohnte im vierten Stock am „Breiten Weg“ einer Hauptstraße, die ich überqueren musste.

Und ich überquerte sie wirklich nur, wenn gar nichts kam, also, wenn alles frei und übersichtlich war.  Autos gab es nicht so viele, aber die Straßenbahn fuhr dort regelmäßig.

Manchmal sah ich sie schon am Fenster stehen, rausguckend und anscheinend auf mich wartend.

Einmal kam ich zu früh oder aber sie hatte sich verspätet, auf jeden Fall war sie noch damit beschäftigt ihre Haare zu verschönern.  Da stand ein rechteckiges Gestell, in dem zwei Steine lagen, auf denen es flackerte. Darüber befand sich noch ein Gestell, auf dem die Brennschere abgelegt war.  Es waren keine Steine, sondern irgendwelche schmalen Tafeln, die aussahen wie Seife auf denen das Feuer hin- und her huschte in kleinen Flammen.   Wenn die Brennschere dann heiß genug war, wurde sie mitten auf dem Kopf in die Haare geschoben, man presste beide Scherenhälften aufeinander und wenn man ganz geschickt war, schaffte man noch eine Welle ohne erneut aufzuheizen.  Setz dich, sagte Fräulein Krull und mach schon mal Fingerübungen.  Das tat ich nur ungern, denn die Sache interessierte mich, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Meine Mutter hatte so etwas nicht.  Plötzlich roch es brenzlig und ich sagte das sofort – so war es uns anerzogen, denn auch im häuslichen Milieu kam das öfters vor.  Stehlampen und Heizkissen hatten die Eigenart brenzlig zu riechen und dann wurden sofort die Sicherungen raus genommen.  Ausschalten wie heute, das gab es nicht, man musste die Sicherung rausdrehen.  Auch bei „hier schmort etwas“  sprang meine Mutter sofort auf, um zu handeln.

Fräulein Krull aber sagte, das macht nichts, das riecht schon mal brenzlig, wenn ein einzelnes Haar verbrennt, das kommt vor, das wird dann ganz klein und kraus und riecht verbrannt.

Der Stuhl vor dem Klavier war für zwei gedacht, also eine Bank, auf der wir beide saßen.

Ab und zu hob Fräulein Krull eine Pobacke, um Luft abzulassen.   Sie dachte wohl, dass ich so auf mein Spiel konzentriert sei, dass ich das  nicht merken würde.  Aber es roch natürlich auch und mich befremdete dieses Benehmen  einer Lehrerin.  Auch musste ich Lachen, was ich natürlich nicht zeigen konnte.   Zuhause erzählte ich das meiner Mutter und die sagte dann, dass ist das Alter, da passiert das schon mal, dass man das gar nicht merkt.  Das glaubte ich aber nicht, denn wenn sie es nicht gemerkt hätte, hätte sie doch die Pobacke nicht extra angehoben.

Einmal hatten wir in der Schule ein Fest – so kurz vor Weihnachten und da sollten die Kinder, die ein Instrument erlernten, vorspielen. Natürlich übte Fräulein Krull mit mir bis ich wirklich sicher war.  Andere Kinder hatten ein Theaterstück eingeübt und die Mütter wurden eingeladen.  Die Väter waren fast ausnahmslos im Krieg.  Und auch wegen des Krieges war unsere Schule in ein Lazarett verwandelt wurden.  Wir waren in einer anderen, viel weiter weg liegenden Schule untergebracht, so dass für Fräulein Krull der Weg dorthin zu weit war.

Ein Auto hatten wir nicht und Taxis gab es im Krieg glaube ich auch nicht.

Also sie konnte der Aufführung nicht beiwohnen, hatte aber, als ich zur nächsten Stunde erschien schon davon gehört, wie ihre Schüler abgeschnitten hatten. Schon im Flur nahm sie mich in den Arm und war besonders freundlich. Wir spielten an diesem Tag vierhändig, was ich sehr gern mochte und am Schluss der Stunde sagte sie wortwörtlich, ich habe es behalten, bis zum heutigen Tag:  Marlenchen, aus dir wird noch mal was…..

Kurz darauf nahmen die Bombenangriffe zu, wir zogen zu den Großeltern nach Schlesien, ich hatte keinen Klavierunterricht mehr.  Ein Jahr später lag der Teil Magdeburgs in dem wir wohnten in Schutt und Asche.

Von Fräulein Krull habe ich nie wieder etwas gehört – aber vergessen habe ich sie nicht, nur des einen Satzes wegen nicht.

Lobt Eure Kinder….

Mila Nabel