Es war das Jahr 1988

Es war das Jahr 1988 wir befanden uns auf einer großen Russlandreise, meine Freundin und ich. Sie hatte diese Reise mit ihrem Mann machen wollen, man hatte sich Lektüre geholt, vieles angelesen und dann bekam der Mann plötzlich Leukämie und starb innerhalb von sechs Wochen.

Ich lernte sie danach erst kennen und sah noch die Bücher über Sibirien, über den Baikalsee liegen im Bereich des Wohnzimmers. Damals war ich für die Sommerferien auf einem Bauernhof im Schwarzwald tätig und sie wohnte unmittelbar darunter. Und dann erzählte sie. Es folgten intensive vier Wochen, in denen wir fast täglich zusammen waren und dann, als meine Ferien zu Ende gingen, fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte diese Reise mit ihr zu machen.

Sie wollte alles organisieren – vor allen Dingen hatte sie die Hygiene im Kopf – und ich sollte an der Volkshochschule Russisch lernen, also tat ich das und verließ mich im Übrigen auf sie.

Dann traf ich sie in Hamburg auf dem Flughafen, kniend neben dem Koffer, und der Tochter Kleidungsstücke entgegenreichend. Sie hatte Übergewicht, bzw. ihr Gepäck, man ging damals noch sehr kleinlich um mit allem. Wir flogen bis Moskau und dort kamen wir in ein sehr großes internationales Hotel. Bereits beim ersten Abendessen – wir waren bestimmt 12 – 15 Personen, bot die Kellnerin mir auf Russisch beim Servieren der Suppe an, Geld zu tauschen. Ich versteh es heute noch nicht, warum sie mich aussuchte, es muss ein Riecher gewesen sein, denn ich schlug zu. Mir gegenüber saß eine junge Frau von ca. Mitte dreißig, die mit ihrem Vater diese Reise gebucht hatte. Ich zischelte ihr zu, dass man hier einen ganz anderen Kurs bekommen könne, und sie war die einzige außer mir, die dieses Wagnis einging.

Meine Freundin, ansonsten weit gereist und Welt erfahren, traute sich nicht.

Sie, die wertvollen Schmuck besaß, hatte diesen zuhause gelassen und sich von Tschibo eine Uhr gekauft, die als Armband eine Spange hatte, elfenbeinfarben. Für diese Uhr bekam sie schon am ersten Tag ungeheure Angebote. Man muss sich vorstellen, dass damals der Westen noch unerreichbar war. Ich hatte von einem Beinah-Schwiegersohn, der als Student in der Werbung arbeitete, alle möglichen Artikel bekommen, Feuerzeuge, Aschenbecher mit dem Aufdruck Go-West und auch Kugelschreiber, die ich anstelle von Trinkgeld geben wollte. Auch Lippenstifte und kleine Nagellackflaschen hatte ich mit. Diese kleinen, für uns wirklich lächerlichen Geschenke öffneten uns Tor und Türen.

In Moskau selbst blieben wir nur drei Tage und mir sind die auf den Rolltreppen lesenden Menschen in Erinnerung geblieben. Dazu muss man sagen, dass die Rolltreppen zu den U-Bahnen sehr viel länger sind, als bei uns allgemein üblich. Man fährt wirklich in den Untergrund und jede U-Bahn Station war anders – ein Erlebnis – alles total sauber und architektonisch wunderschön. Es ist fast 25 Jahre her und heute soll es ganz anders sein.

Damals war ich sehr froh, dass ich den Russisch-Unterricht genommen hatte, so konnte ich doch wenigstens lesen und die Wege finden. Ich weiß, dass einige von uns das Hotel nicht verlassen haben, es sei denn auf geführten Ausflügen. Aber eigentlich wollte ich hier etwas über Menschen schreiben und nicht über eine Reise als solche.

Zurück zu den Menschen. Ich schenkte einen blauen Hosenanzug einem Zimmermädchen, worauf die mir in die Arme fiel und mich küsste, mehrfach küsste. Damals war ich fest entschlossen, noch einmal auf eigene Faust dorthin zu fahren, mit vielen Klamotten im Koffer, die ich hätte verschenken können. Aber es kam dann ganz anders. In den Regionen Usbekistan und Aserbaidschan merkten wir schon, dass sich etwas anbahnte, politisch anbahnte und man musste wirklich mit jeder Äußerung vorsichtig sein.

Dann ging es mit der Trans-Sib weiter. Wir hatten ein Vierbett-Abteil, das wir nur zu Dritt benutzen mussten. Man hatte die Dolmetscherin, die auch schon etwas älter war, zu uns ins Abteil gelegt. Das hatte Vorteile aber auch Nachteile. Damals gab es überall noch „Wanzen“ also man musste doch ziemlich aufpassen, was man sagte. Einer von uns, er kam aus München sprach sehr gut russisch und machte diese Reise schon zum dritten Mal. Durch ihn lernte ich auf dem Flur, also dem Gang auf dem wir immer standen um hinauszugucken eine Ingenieurin kennen, die sich verpflichtet hatte für vier Jahre in Sibirien zu arbeiten. Der Lohn war eine Wohnung in Leningrad. Sie konnte etwas deutsch, ich etwas russisch – mein Lehrbuch hatte ich mit und bis zur Lektion 8 beherrschte ich das Vokabular. Im Wagen selbst gab es Tee. Im Gang in der Ecke stand ein Samowar - jederzeit bereit.

Aber es gab auch Menschen, die Kaviar und Wodka hatten – einfach so. Möglicherweise war uns beiden Frauen das entgangen, dass man sich damit hätte eindecken können.

Meine Freundin hatte dafür Klopapier, Feuchttücher und auch papierne Unterhosen mit. Diese Unterhosen erwiesen sich als Flop. Da man ewig sitzt und der Zug ununterbrochen ruckelt, rieb sich das Höschen schnell durch. Aber vom Wodka hielt ich viel – meine Freundin überhaupt nichts, obwohl die Dolmetscherin uns gesagt hatte, wenn man nach jedem Essen einen kleinen Wodka trinkt, bekommt man keinen Durchfall. Morgens schon gab es die für uns sehr fettigen Plenies und dann war es direkt gut, einen Schnaps hinterher zu trinken.

Während der ganzen Reise – es waren vier Tage und Nächte, glaube ich, hatten wir Trainingsanzüge an. Am Tag standen wir meistens im Gang und sahen hinaus. Ich weiß noch, dass es tiefe Nacht war, als wir die Grenze von Europa nach Asien überfuhren und ich bescheuert ins dunkle guckte, um dann mit den anderen die da standen Krimsekt zu trinken. Also ich war wenigstens dabei, andere lagen im Bett. Es lohnte sich wirklich nicht – es gab überhaupt nichts zu sehen.

In Omsk hatte man mich – weil ich ja wenigstens etwas russisch konnte – gebeten Post in den Briefkasten zu bringen. Omsk war damals noch Sperrgebiet, wir hatten ca. 20 Minuten Aufenthalt und mir wurde versichert, dass der Bahnhofsvorplatz einen Briefkasten habe.

Also rannte ich los mit den ganzen Ansichtskarten und Briefen. Wenn man nach so langem Bahnfahren ausstieg, musste man sich erst einmal wieder an den festen Boden gewöhnen und auf der Treppe passte ich deshalb besonders auf. Ich rannte durch den ganzen Bahnhof durch bis zum Vorplatz. Guckte rechts und links, sah den Briefkasten, schmiss alles rein und machte mich auf Rückweg. Ich hatte mir die Nr. des Bahnsteigs natürlich genau gemerkt, aber als ich oben ankam, war kein Zug mehr da. Ich lief den ganzen Bahnsteig ab, nichts zu sehen. Da stand ich nun, nur mit dem Trainingsanzug bekleidet, ohne Geld, ohne Pass ohne alles.

Eine Frau so Mitte 40 war wohl schon auf mich aufmerksam geworden – auf jeden Fall kam sie auf mich zu und ich sagte, was ich in russisch zu sagen vermochte. Sie lief mir voran, wieder die Treppe hinab und dann durfte ich sie nicht aus den Augen lassen, also rannte ich immer hinterher, aber doch schon irgendwie erleichtert. Es war so, dass der Zug rangiert hatte und jetzt auf einem anderen Bahnsteig stand. Ich erreichte ihn noch rechtzeitig. Meine Freundin und auch die Dolmetscherin waren restlos fertig mit den Nerven. Der Dolmetscherin hatte ich das natürlich auch nicht gesagt, denn den Zug verlassen, war ausdrücklich verboten. Und jetzt bekam ich das Wort zum Sonntag, wohl etwas abgemildert, weil die nette Frau, die sozusagen alles für mich erledigt hatte, blieb, bis der Zug abfuhr und ich glaube sie hätte mich auch mit nachhause genommen, wenn der Zug weg gewesen wäre.

Ja, das war das Abenteuer in Omsk. Immer dann, wenn der Zug hielt, verließen wir das Abteil und sprangen vor den Türen rum, machten Kniebeugen, brachten den Kreislauf auf Trab, sprangen im Hampelmann – Stil.

Dann erreichten wir Irkutsk. Dreckig, unausgeschlafen, mit fettigen Haaren und immer noch im Trainingsanzug. Zwei Männer hatten Schwierigkeiten. Ich erinnere mich, dass einer taumelte und der andere umfiel. Die Dolmetscherin kannte das. Sanitäter kamen, aber alles war schnell behoben. Der Körper muss sich erst wieder an den festen Boden gewöhnen.

Mir wurden sofort Angebote für meinen Trainingsanzug gemacht, der war von fila und hatte, was wahrscheinlich besonders anziehend war, das deutsche Sportabzeichen in Gold aufgenäht und auch den DLRG-Lehrschein – also diese Stoff-Ovale, die man dann eben annäht.

Ganz abgesehen davon, dass ich ja nicht nackt dastehen wollte, wollte ich auch nie etwas verkaufen, was verschwitzt und dreckig ist.

Wir fuhren mit dem Bus weiter und auch vor dem Hotel lauerten schon Gestalten, die mir Bernsteinketten, goldene Ringe und alles Mögliche boten unter anderem natürlich Rubel – gegen diesen rund um die Uhr getragenen Trainingsanzug.

Uns allen war klar, dass wir uns vor Angeboten nicht würden retten können, und so verkauften wir dann an geschützten Stellen. Das heißt mir wurde gesagt, wo ich hinkommen sollte. Ich nahm nur bares. Das führte dazu, dass ich und noch ein Mensch, ein Mann, der geschieden war, im Geld schwammen. Es waren Rubel und Rubel durften nicht mitgenommen werden, also musste der Rubel wirklich rollen. Zu dieser Zeit gab es Rubel-Bars und Devisen-Bars. Schon der Atmosphäre wegen und der Möglichkeit

Einheimische kennen zu lernen, ging ich nur in die Rubel-Bar. Meine Freundin war ängstlich und hielt sich in der Devisen-Bar auf, wenn überhaupt. Oft blieb sie auf dem Zimmer, aber sie ist auch acht Jahre älter als ich. Dann kriegten wir, also der geschiedene Mann und ich von der Dolmetscherin zu hören, dass das auffallen würde, dass wir immer in der Rubel-Bar säßen und überhaupt habe man uns im öffentlichen Bus gesehen, wo wir doch genug Geld für Taxis hätten usw.

Dieser Mann war auch bedeutend jünger als ich und er kaufte alles auf, wir konnten von Glück sagen, dass im Sommer die großen Pelzhändler dort geschlossen haben. Aber Porzellan, Samoware, Musikinstrumente, alles konnte man kaufen.

Das Problem des Mitschleppens hielt mich davon ab, mich gänzlich in Irkutsk einzudecken.

Denn wir wussten ja, dass wir nach Taschkent, nach Tiflis, nach Baku kommen würden, alles Städte, die möglicherweise noch mehr Angebote hatten.

Von Irkutsk aus unternahmen wir noch einen Ausflug zum Baikalsee. Dort empfing uns eine Schar von Kindern, armseligen, mageren Kindern. Lutscher und Kugelschreiber hatte ich noch. Eine andere Dame verteilte Luftballons –diese hatten die Kinder noch nie gesehen, zumindest nicht im unaufgeblasenen Zustand. Sie befühlten das Gummi, guckten hinein, wendeten und waren ratlos. Ein Junge nahm dann das Aufblasstück in den Mund, kam mit der Technik nicht klar, und gab mir den Ballon. Ohne Nachzudenken, nahm ich diesen in den Mund und blies ihn auf. Was hätte ich da alles bekommen können !!! Dazu muss ich sagen, dass uns ständig gepredigt wurde, ja kein Wasser zu trinken, das Eis aus den Getränken zu nehmen und vor allen Dingen niemals Kwas aus einem Automaten trinken. Die Dolmetscherin hatte furchtbare Angst, dass wir krank werden könnten und warnte ständig. Hier sah ich zum ersten Mal ein Luftboot, das ca. 50cm über dem Wasser schwebend fuhr und sehr schnell war. Ein Teil von uns nahm das Vergnügen wahr - aber ich hatte andere Sorgen. Meine Freundin, sonst immer angepasst, wollte unbedingt im Baikalsee schwimmen. Sie wohnt in Deutschland an einem See, schwimmt dort immer und ließ sich hier nicht abhalten. Das war absolut nicht vorgesehen. Die Dolmetscherin sagte immer, dieses Wasser ist eiskalt und wenn hier etwas passiert, es wäre nicht auszudenken. Wir befanden uns in einem ganz kleinen Dorf, in dem die Kühe so herumliefen, vielleicht nicht alle, aber ein paar. Was sollte ich machen, ich blieb oben an der Kaimauer stehen und passte auf ihre Schuhe und Klamotten auf.

Alle anderen fanden das sehr unvernünftig, was der Dolmetscherin gefiel.

Dann kam für mich ein Highlight – die Taiga…. Leider voller Mücken – aber ansonsten wunderschön. Es blühte überall zwischen den Birkenalleen – und überhaupt so eine Landschaft hatte ich noch nicht gesehen.

Max hieß unser Bayer, der darauf bestand, dass wir an einen Ort fuhren, an dem zwei Holzbaracken nebeneinander standen. Er kannte die Menschen dort und hatte ihnen etwas mitgebracht. Die primitiven Schuppen waren bewohnt, jeweils von einer alten Frau und einem alten Mann. Der Mann weinte, als er Max sah, die Tränen liefen über sein zahnloses gebräuntes Gesicht und er brachte ein großes Fellbild zum Vorschein, dass er Max schenkte. Man muss sich das so vorstellen, wie unsere Patchwork-Decken. Nur eben alles aus verschiedenen Fellsorten und mit Motiv. Ein röhrender Hirsch zum Beispiel.

Als die Frau den Bus entdeckt hatte, kam auch sie vor die Tür. Beide hatten totale O-Beine.

Ich weiß nicht, ob das Gicht war durch die Kälte, die dort 9 Monate im Jahr herrschte oder evtl. das, was unsere Eltern als englische Krankheit bezeichneten, also zu wenig Vitamin D

in der Kindheit.

Als wir abfuhren, standen beide in ihren Haustüren, so krummbeinig und weinend und winkend, dass ich dieses Bild lange nicht vergessen hatte. Der Frau hatte auch ich einiges abgekauft. Kleine Basteleien und gehäkelte Eierwärmer, alles Dinge, die man nicht brauchte, aber nur Geld annehmen, dazu war sie zu stolz, das wollte sie nicht.

Dann ging es weiter, Bukara, Taschkent und Baku folgten.

In Taschkent gab es wunderbare Tabletts aus Messing mit Ziselierungen und Vasen und Teller und Schüsseln. Und man konnte in sogenannten Handwerker-Höfen zusehen, wie ein solches Teil entstand. Die Landschaft zeigte sich in schönsten Farben, Bougainvillen blühten überall und die Luft zitterte vor Hitze.

Und dieser Mann, von dem ich schon sprach, also der geschiedene und viel jüngere, hatte immer ein Doppelzimmer, und damit das nicht benutzte Bett ihn nicht so anstarrte oder gar traurig machte, war er dazu übergegangen, jeden Abend seine Schätze dort auszubreiten. Dann betrachtete er sie liebevoll, dekorierte um und gab sein unbenutztes Bett zur Besichtigung frei.

In Taschkent weiß ich noch genau, dass eine Oper auf dem Programm stand und die Dolmetscherin uns sagte, der Bus sei dann um die und die Zeit da. Wir hatten aber inzwischen Taschkent schon erkundet und wussten, dass das Theater nicht so furchtbar weit weg war. Und weil ich von je her gegen Bevormundung oder übermäßige Behütung bin und auch andere meiner Meinung waren, sagten wir, dass wir auf eigene Faust dahin gehen wollten. Schließlich konnte man uns nicht zwingen. Und so kam es auch, die Dolmetscherin hat uns nicht zugetraut, dort pünktlich einzutreffen, aber wir waren alle da, einige hatten die U-Bahn benutzt, ich war zu Fuß gegangen, auch mit einigen anderen, und der Rest hatte den Bus genommen.

Das war so ein kleiner Triumph für uns. Wir wollten zeigen, dass wir mündig sind.

Das setzten wir auch durch, was das Essen anbelangte. Ständig waren wir in sehr guten Hotels untergebracht und bekamen aber immer solches Essen, wie wir es von zuhause aus gewohnt waren. Dann sahen wir Kellner mit köstlich duftenden Speisen an andere Tische eilen. Fleischspieße wurden herumgetragen, aber alles nicht für uns. Das brachten wir dann auch zur Sprache und erfuhren, dass für die Reisegruppe extra diese Art von Essen bestellt war, ich glaube, es hieß kontinentales Essen, weil wir von den anderen Köstlichkeiten eventuell krank werden könnten. Da gab es einen Aufstand. Etwa ein Drittel wollte die einheimische Küche und die Speisen des Orients im Allgemeinen. Die anderen ließen sich einschüchtern, hatten zu viel Angst vor Durchfall und Magengeschichten.

Aber jetzt war klar, wir ließen nicht alles mit uns machen.

Dann kamen wir nach Baku - davon schwärme ich heute noch. Andere Leute können das kaum verstehen und sagen dann, da sieht man doch überall die Oeltürme. Natürlich kann man die sehen, wenn man will, aber sie stehen so weit weg, dass sie überhaupt nicht beeinträchtigen. Dort hatten wir auch einen Nachmittag ganz frei – ja man ist sehr eingespannt auf solchen Reisen, dies sollte man gesehen haben und das auch, jede Menge Koranschulen, daran erinnere ich mich noch. Aber jetzt zu dem freien Nachmittag und Abend. Meine Freundin, ansonsten couragiert, hatte Angst vor den vielen schwarzen Männern. In der Stadt sieht man kaum Frauen, es sind überwiegend Männer unterwegs und die sind eben dunkel vom Typ her, von der Sonne und haben schwarze Haare.

Wir ließen ins in einem Straßencafe nieder, das runde Tische hatte, für etwa 2 – 3 Personen und tranken Tee, es gab so kleine süße Gebäckteilchen dazu. Um uns nur Männer oder Touristen. Die Sonne schien ohne Erbarmen, Sonnenschirme gab es dort nicht. Meine Freundin hatte einen Hut auf und ich ein weißes Tuch, trotzdem konnte man dort nicht sehr lange sitzen bleiben. Als ich bezahlen wollte, sagte der Ober es sei schon bezahlt worden, wir seien Gäste. Ich guckte ihn verwundert an. Da erhob sich zwei Tische weiter ein Herr im Anzug mit Krawatte und verbeugte sich. Wir waren also eingeladen worden. Meine Freundin konnte es nicht fassen, und ich glaube, dass das dazu beitrug, dass sie die Angst vor schwarzen Männern verlor.

Gegen Abend befanden wir uns auf der Promenade. Es hatte sich noch eine dritte Frau aus unserer Gruppe dazugesellt. Es gab einen Dampfer, der mit bunten Lämpchen beleuchtet war und eine Fahrt auf dem Kaspischen Meer anbot. Das ganze sollte nicht mehr als eine Stunde dauern und deshalb gingen wir an Bord. Auf dem Schiff war auch Musik und ganz Mutige tanzten. Hinter uns saßen drei Männer. Der eine hatte, wie er sagte, in Paris studiert und sprach französisch. So konnte man sich besser unterhalten, als auf Russisch. Eins ist mir wortwörtlich in Erinnerung geblieben. Ich wurde gefragt, wie es mir gefalle und ich sagte – Russland ist wirklich sehr schön. Da antwortete er entsetzt, das hier ist Aserbaidschan und nicht Russland. Wie gesagt, es deutete sich bereits ein Wandel an. Genau so ging es mir mit meiner Balalaika, die ich in Baku kaufte. Als wir dann in Georgien waren, fragte man mich, warum ich eine in Aserbaidschan gekauft hätte und nicht in Georgien, die dort seien doch viel besser. Wir Touristen befanden uns auf einer Russlandreise, für uns war das alles Russland und dort war schon klar, dass es zu einer Spaltung kommen würde.

Das Schiff legte an der Promenade an, wir waren alle guter Stimmung, denn es gab überall Live-Musik, meistens mit der Ziehharmonika, aber auch mit Geigen. Die Herren hinter uns begleiteten uns ein Stück in Richtung Hotel und luden uns in ein Eiscafe ein, dass direkt an der Promenade gelegen war. Gerade als ich den Löffel mit Eis fast im Mund hatte, sah ich die Dolmetscherin mit dem Busfahrer die Promenade entlang kommen. Ein Nicht Hinsehen hätte nichts genutzt, denn sie sah uns sofort. Im Hotel setzte es dann ein Donnerwetter. Schnell trank ich noch pflichtbewusst Wodka, um ja alle Keime zu töten.

In Tiflis wurde ich fast übermütig, ich verkaufte für die Leute von uns, die sich das nicht zutrauten und ging überall hin. Rückblickend war das wahrscheinlich doch ein großes Risiko.

Wir hatten in der Gruppe einen ganz jungen Mann, den wir Youngster nannten. Der hatte in einem Kaufhaus in Tiflis einen Samowar erstanden, der nicht funktionierte. Es musste also reklamiert werden und auch da gingen ich und der Mann mit dem ständig dekoriertem zweiten Bett mit.

Dieser hatte sich inzwischen einen Koffer zugelegt, denn Tischdecken mit handgearbeiteten Spitzen waren dazu gekommen, eine Zither und auch noch Trommeln.

In Tiflis betrat ich ganz allein eine Kirche und sah ein Kind, dass getauft wurde. Dieses Kind lief aber schon. Dann sangen Männer wunderbar. Sie standen um das Kind herum und als ich fragte, wie der Chor heiße, sagte man mir, dass sind die Familienmitglieder.

In Georgien wird in den Familien sehr viel musiziert und die Menschen haben wunderschöne Stimmen, das fiel mir immer wieder auf.

Eigentlich war auf dieser Reise auch noch Eriwan vorgesehen. Das konnten wir aber nicht erreichen, weil dort Panzer aufgefahren waren. Also, anstatt nach Eriwan zu fliegen, ging es mit dem Bus über den Kaukasus nach Georgien. Mitten im Sommer – im dort sehr heißen Sommer und ohne Klimaanlage – und ohne Federung, wie von hier bekannt. Wir wurden wirklich durchgerüttelt vom Scheitel bis zur Sohle.

Doch der Busfahrer sang zeitweise – melancholische Melodien – wahrscheinlich von Herzschmerz handelnd – auf jeden Fall war er bemüht, uns die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten.

Von Tiflis aus flogen wir nach Moskau, übernachteten noch ein einziges Mal und dann ging es nachhause. Meine restlichen Rubel gab ich den Zimmermädchen.

Am Flughafen angekommen, wurden der Mann mit dem dekorierten Bett und ich bis auf das letzte gefilzt. Alle anderen von uns konnten nach ein paar Fragen und einem Griff in den Koffer die Kontrolle passieren und weitergehen.

Meine Freundin schwitzte Blut und Angst, als sie sah, dass man bei mir sogar die Absätze von den Schuhen löste und nachsah, ob sich dort nicht Schmuck oder eine kleine Antiquität verbarg. Natürlich entschuldige man sich dann und die Schuhe wurden auch tadellos wieder in Ordnung gebracht. Ich hatte keine Angst, denn alles was verboten war, hatte ich nicht. Weder Silber noch Antiquitäten – nur Mitbringsel aller Art, es waren viele aber ich konnte nachweisen, dass ich 7 Kinder hatte und auch eine große Verwandtschaft.

Ich glaube, so richtig hat man mir nicht getraut – aber man fand nichts.

Noch vor der Filzerei hatten wir uns ganz herzlich bedankt und verabschiedet von unserer Dolmetscherin. Meine Freundin lud sie nach Deutschland ein – aber es kam nicht dazu. Sie ist dann in Moskau umgezogen und die Post kam zurück.

Am letzten Abend, bevor wir abfuhren, feierten wir gemeinsam Abschied. Man sah der Dolmetscherin die Erleichterung an. Keiner war ernsthaft krank geworden. Dann erzählte sie, dass das ganz selten der Fall sei. Sie hatte schon Sterbende transportieren müssen, weil die Krankenhäuser die Touristen nur solange behalten, wie die Reisegruppe vor Ort ist. Bei diesen Darmerkrankungen trocknen die Leute total aus – dazu die Hitze und das Wasser, das nicht getrunken werden darf. Dann hatte sie aber auch Arm – und Beinbrüche erlebt, Blinddarmdurchbrüche und andere Abartigkeiten mehr.

Doch so wollte ich nicht aufhören, sondern mit den Menschen, die uns überall freundlichst entgegengekommen sind. Unwahrscheinlich viele Eindrücke hatten wir gesammelt, vieles ist vergessen, aber der alte Mann, der singende Busfahrer, die küssende Zimmermamsell, das ist geblieben.

Mila Nabel