Er war Wirt

Er war Wirt, aber nicht so einer der Wirt wird, weil er nichts anderes wird.

Nein, er war Wirt aus Berufung, hieß Rudi und sollte kurz vor seinem 70. Lebensjahr aufhören. Die Kneipe war aber sein Leben.  Er blieb schlagfertig bis zum Schluss, höflich, nie arrogant, immer geduldig den Geschichten seiner Gäste lauschend.  Im Kiez kannte er viele Familien. Er sah die Kinder aufwachsen, Konfirmationen und Hochzeiten fanden bei ihm statt.

Bei ihm gab es das klassische sieben-Minuten-Pils auf rustikalen Tischen, von denen er einige selbstgebaut hatte.

Nach einer unglücklichen Ehe hatte er Gisela kennen gelernt.  Sie war fünf Jahre älter als er, was wenig war, denn er schwärmte schon von Jugend an für ältere Frauen.  Sie liebten sich sehr und es einte sie, die Liebe zum Wasser. Gemeinsam schufen sie eine Jolle, die im Schuppen stand und auf den sommerlichen Einsatz im Fluss wartete. Und dann schipperten sie bis mittags und dann wieder ab in die Kneipe.  Und dann kam ganz plötzlich der Zusammenbruch.

Vier Bypässe mussten gesetzt werden und Gisela schmiss den Laden mit einer Freundin, bis Rudi wieder zapfen konnte.  An dem Abend gab es Freibier.  Zwei Jahre später wurde ihm ein Bein bis zum Knie amputiert – Raucherbein, wie der Volksmund sagt.  Aber Rudi ließ sich nicht hängen. Rente war kaum zu erwarten, also wieder hinter die Theke.  Eine Prothese lehnte er ab und so saß er jetzt beim Zapfen auf einem Hocker, den er mit Krücken erreicht hatte.

Ein Gentleman mit blauen klaren Augen – er glich jetzt Hans Albers in seinen letzten Jahren.

Die Jolle wurde verkauft. Im Schuppen stand jetzt ein alter VW-Bus,  der in der Freizeit zum behinderten gerechten Fahrzeug umgebaut wurde und nicht nur das, dieser Wagen bekam eine Innenausstattung, zwei Betten, kleiner Kocher fürs nötigste und ein Plastik-Chemie-Klo.

Dann begann das zweite Bein, also eigentlich das eine, was noch übrig war zu jucken, stark zu jucken und da gab er auf. Kündigte die Bude und verkaufte das Inventar.  Er hätte auch verpachten können, doch das hätte er nicht verwunden.  Aus und vorbei mit ihm, sollte auch aus und vorbei fürs Lokal sein. 

 

Als das Auto reisefertig war machten sich Gisela und rudi auf nach Spanien, Dort kannten sie einen Camping-Platz am Meer. Im Hochsommer lebten sie im Kiez in einer 2-Raum-Wohnung.   Als Gisela 79 war starb sie. Wir alle gingen zur Beerdigung. Rudi war wie versteinert, fuhr aber im anschliessenden Herbst wieder nach Spanien.  Dort traf ich ihn auf den Stufen zum Wasser sitzend, das Bein im Wasser.  Er kam klar und konnte nach wie vor alleine leben. Er hatte immer noch diesen klaren etwas gelangweilten Blick, ich sehe ihn noch vor mir.

Aber es war das letzte Mal. Drei Monate später erlitt er zuhause einen Herzinfarkt. Seine Handy-Nr. habe ich noch nicht gelöscht.

Mila Nabel