Die zweite Ehe

 

Vor vielen Jahren spielten wir zusammen bei Grün-Weiß Volleyball und verstanden uns gut.

Nach dem Training wurde die Vereinsgaststätte aufgesucht, man sprach miteinander, beide hatten wir einen Hausbau vor und so lernte sich auch die Familie kennen.

Man kann wirklich sagen, wir waren befreundet.   Dann eines Tages kam er nicht mehr zum Training, natürlich waren wir alle älter geworden, hatten berufliche und andere Verpflichtungen und einige traten aus dem Verein aus, andere wieder ein.

Eines Tages hörte ich dann, dass Hartmut und Inge sich scheiden ließen. Angeblich hätte Hartmut eine andere -  aber da ja immer viel geredet wurde, nahm ich nicht so richtig Notiz davon. Dann aber wurde das Haus verkauft und Inge zog mit den Kindern nach Braunschweig, wo sie sich beruflich hatte hin versetzen lassen.

Von Hartmut hörte ich nur, dass er eine ganz junge Frau geheiratet habe, die ihm noch einmal zwei Kinder bescherte.

Das ist aber auch schon lange her.   Wir verloren uns total aus den Augen, bis zum letzten Samstag.  Ich war auf einer Beerdigung mit sehr vielen Menschen.  Der Sarg wurde auf einem relativ schmalen Weg zum Grab getragen, die Menschenmassen schoben sich dahinter her, bis unmittelbar zum Grab selbst.  Kurz davor scherten einige aus, gingen um das Grab herum, um sich von an der anderen Seite dem Geschehen zu nähern.   Ich stand etwa zwei Meter vom Grab entfernt, neben mir eine Frau die hektisch winkte, aber nicht wie wenn  man jemandem nachwinkt, sondern fordernd, sie winkte mit der Hand auf sich zu, zischelte – komm jetzt hierher – und da das vom Opfer nicht gesehen und auch nicht gehört wurde, wurden ihre Bewegungen immer heftiger.  Automatisch sah ich in die Richtung, in die sie guckte und  dort sah ich Hartmut, grau geworden, mit tiefen Falten und zwei Rosen in der Hand. So stand er da, unheimlich traurig. Und dann sah er sie und bekam einen ganz ängstlichen Gesichtsausdruck.

Für mich gab es gar keinen Zweifel, der ganze Mann hatte Angst, das drückten seine Augen aus. Ich konnte das nicht ertragen und drehte mich um, um eine andere Sichtschneise bemüht.

 

Ziemlich hinten landend habe ich dann Hartmut nicht mehr gefunden. Der Friedhof hat mehrer Ausgänge und wir verpassten uns, aber das ängstliche Gesicht ging mir nicht aus dem Sinn.

Kurz darauf suchte ich im Internet und fand seine Telefonnummer. Ich rief  ihn an,  ach Rainer, sagte der, lange nichts mehr voneinander gehört, zu lange nicht….

 

Mila Nabel