Die Sache mit der Morgenpost

 

Es betrug sich außerhalb eines indischen Lokals in Berlin, das lange Tische mit Bänken vor der Tür stehen hat, dass an einem Tisch nur ein einzelner Mann saß, der die Zeitung las.

Es war noch recht früh am Abend und ich hatte Hunger.    Der Nachbartisch war, was ganz außergewöhnlich ist, in einem indischen Lokal,  von Polen besetzt.  Nicht ausgelastet, also nicht vollbesetzt, denn es waren nur drei Männer, aber keiner setzte sich begreiflicherweise dazu, denn es ging sehr turbulent zu.   Der eine, ein noch recht junger Mann, stark wie ein Bär, telefonierte ständig und das sehr lautstark  - ein anderer auch jung, rief jeweils dazwischen und der Dritte, schon etwas älter und mit angehender Glatze versuchte zu beschwichtigen. 

Etwas irritiert aber scharf auf das indische preiswerte Essen fragte ich den Zeitungsleser, ob ich mich dazu setzen könne.  Ich war gespannt, wie das hier ausgehen würde, denn die indischen Besitzer, sanft mit großen dunklen Augen, würden ganz bestimmt nichts sagen.

Nun stand der Zeitungsleser auf und ging auf den anderen Tisch zu und bat höflich, doch etwas leiser zu telefonieren.   Daraufhin kam auf Deutsch die Antwort, wir telefonieren doch mit der Heimat, mit zuhause, so als ob man wegen der Entfernung einfach lauter reden müsse.

Wie auch immer, es kam noch ein weiterer Pole hinzu, der den Telefonierenden mitnahm und schon war das Problem gelöst.

Der Zeitungsmensch las zu Ende und ließ die Zeitung liegen.   Da ich die Morgenpost schon am Morgen gekauft und gelesen hatte, ergab sich für mich kein Interesse.  Da kam ein Mann mit Hund und fragte, ob er die Zeitung haben könne.  Er setzte sich auch gleich dazu und fing an zu lesen.  Eine junge Inderin, fast noch ein Kind, nahm die Bestellung auf und brachte einen Napf mit Wasser für den Hund.

Da der Herr die ganze Zeit las, ist wenig über ihn zu sagen, außer dass er auch während des Essens las, was wirklich schädlich ist.   Ich hielt mich aber zurück und gab keine guten Ratschläge.

Nach einer Weile wurde der Platz wieder frei, und die Zeitung blieb liegen.   Ca. 30 Minuten gab es niemanden, der nach ihr fragte.   Da kam ein ganz junger Mann, er fragte sofort, ob die Zeitung sozusagen frei sei,  als ich das bejahte nahm er sie und ging ins Lokal hinein.  Anscheinend brauchte er mehr Ruhe um zu lesen. 

Als ich anschließend zur Toilette ging, sah ich, dass die Morgenpost inzwischen an einem anderen Tisch, an dem einer alten Dame, die schrieb, gelandet war.

Diese jedoch schrieb weiter, hatte aber ihre Serviette sozusagen Besitz ergreifend auf der Morgenpost liegen.

Vielleicht hat sie sie mit nachhause genommen – wer weiß,  und damit ist die Geschichte aus.

Mila Nabel