Das spielt doch keine Geige

Da Frau Flöter einigen Lesern schon bekannt sein dürfte, muss hier  einmal über ihre Schwester, Frau Clara Weidemann gesprochen werden.

Selbige hatte von ihren Kindern ein Premierenabonnement eines Berliner Opernhauses geschenkt bekommen.   Sie liebte Operetten ganz besonders und freute sich tagelang vorher auf die Vorstellung.

Am 27. April 2012 gab es „Ein Walzertraum“  von  Oscar Strauß.  Die Uraufführung fand am 2. März  1907 in einem Wiener Theater statt,   das war dem Programmheft zu entnehmen. 

Und nun kam Wiener Lebensart  auf die Bühne, von der damals feschen Wiener- Mode an bis hin zum Gugelhupf und Kaiserschmarrn. Sämtliche Bühnenakteure gaben ihr Bestes, sowohl  gesanglich wie mimisch als auch sprachlich.   Nicht  jedem lag der Wiener Dialekt, doch wer wird denn so streng sein.

Aber nun kommt der zweite Teil des Stückes, der wesentlich kürzer ist, als der erste.  Aufgrund des Aufbaus des Stückes lässt sich das nicht anders arrangieren und man sitzt erst einmal hundert Minuten bis zur Pause.

Anfang des zweiten Teiles wurde aus einer der hinteren Reihen im Parkett gehustet. Das kann schon einmal vorkommen, aber dieser Husten glich den Rufen eines röhrenden Hirsches, nicht nur im Ton, sondern auch im Auf- und Abschwellen des Ganzen.  Immer, wenn man dachte, es könnte vorbei sein und die entsprechende Person könne wieder normal atmen, nahm es an Gewalt zu  - man dachte an Sanitäter, die doch irgendwo zu finden sein müssten – kam völlig vom Stück runter, obwohl man ahnte, dass doch gerade die Stelle:

„Leise, ganz leise klingt’s durch den Raum, liebliche Weise, Walzertraum“   dran war.

Clara bewahrte Contenance, aber aus der Reihe vor ihr, drehten sich etliche Leute  um, wollten den Übeltäter mit ihren Blicken strafen.   Seitlich hörte man den Zuruf, gehen sie doch endlich raus, den aber die hustende Person auf Grund des eigenen Röhrens  nicht hören konnte.

Während vorn auf der Bühne – „süßester Schmerzen zärtlicher Chor, dringt aus dem Herzen selig empor“ gesungen wurde.  Das verstanden natürlich nur die in der ersten – bis dritten Reihe sitzenden.

 Und Clara hat das nachgelesen, sonst wüsste sie es nicht.

Es ist auch kaum vorzustellen, dass der Kreislauf das mitmacht.  Aber hier wurde wirklich 30 Min. lang intensiv gehustet, nach Luft geschnappt,  geröhrt und gestöhnt.

Clara erzählte das ihren Kindern, die aber dachten, die Mutter übertreibt oft.

Doch dann hatte Clara den ihr wichtigen klaren Beweis. In der Presse stand – und das hat sie sich ausgeschnitten:

„Von den Dialogen des zweiten Teils bekam das Publikum übrigens nicht ganz so viel mit, weil ein Besucher die alte Weisheit Robert Lembkes beherzigte, dass Husten vor dem Fernseher halb so schön ist, wie im Theater. Aber man kann ja noch mal in den Walzertraum gehen, Es lohnt sich.“

Das spielt doch keine Geige….

 

 

 

Mila Nabel