Blut ist dicker, als Wasser.

 

Ich weiß, dass ich der Ersatz bin.  Und nur, weil ich der Ersatz bin, wurde ich nicht abgetrieben.   Geboren bin ich 1948 und zwar in Dänemark.   Wir kommen aus Westpreußen, höre ich meine Mutter noch heute sagen.  Wir kommen aus Westpreußen, sagte auch ich, als ich noch ein Kind war.

Aber das war vor meiner Geburt.  Mein Vater, hieß es damals, sei im Krieg gefallen. Doch das betrifft den Mann meiner Mutter und den Vater meiner Geschwister, die ich nie kennen gelernt habe, und von denen ich so viel weiß.  Denn meine Mutter sprach immer darüber. Sie war mit Heinz, Helga und Friederike 2, 3 und 5 Jahre alt auf die Flucht gegangen,  sie hatten  sich dem Treck angeschlossen, der dann in Dänemark im Flüchtlingslager landete.

Dort brach der Typhus aus und meine Mutter verlor alle drei Kinder.  Heinz und Friederike starben innerhalb von drei Tagen, Helga folgte eine Woche später. Obwohl meine Mutter, ebenfalls total unterernährt, von der Flucht und den anschließenden Aufregungen, sehr geschwächt war, blieb sie gesund.   Das wollte sie nicht.  Sie wollte ebenfalls an Typhus sterben, doch gelang ihr das nicht.

Meine Mutter und ich übersiedelten nach Düsseldorf, wo ich 30 Jahre lebte.  Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, begann ich zu rechnen, also über mich zu rechnen und nachzudenken. Mein Vater konnte nicht im Krieg gefallen sein, das war mir klar. Ich bat meine Mutter, mir doch zu sagen, wo her ich stamme. Aber sie kam dann immer wieder auf meine toten Geschwister zu sprechen und wich aus. Außer meiner Mutter hatte ich niemanden.  Meine Großeltern hatten die Flucht nicht überlebt und irgendwelche Leute aus Dänemark kannte ich auch nicht.

Da meine Mutter auch immer weinte, wenn ich zudringlicher fragte, hatte ich mich damit abgefunden, einen dänischen Vater zu haben, den wir aber nicht kannten. 

Mein Interesse galt immer Dänemark.  Käse aus Dänemark aß ich besonders gern, rote Grütze von dort noch viel lieber.  Als 15-jährige hatte ich mir vorgenommen, perfekt dänisch zu lernen, doch das verblieb dann, da ich für das Abitur pauken musste.  Ich wurde Grundschullehrerin und zog von zuhause aus.    Meine Mutter konnte das kaum verkraften.

Sie hatte den Tod ihrer drei ersten Kinder nie überwunden und meinen Auszug auch nicht.

Ich verstand das, hielt es aber für angemessen und auch durchaus normal, nach dem Studium auszuziehen. Heute denke ich anders.  Denn nach meinem Auszug wurde sie sehr krank, sie bekam Darmkrebs und starb, als ich 33 Jahre alt war. Das letzte halbe Jahr habe ich fast jede freie Minute mit ihr verbracht und vier Tage vor dem Tod, nannte sie mir den Namen meines Vaters, der damals auch in diesem Lager in Dänemark gewesen war, also hatte ich keinen dänischen Vater, sondern einen Deutschen, einen aus Westpreußen wahrscheinlich.

Der Tod der Mutter und auch die damit verbundenen Schuldgefühle, die ich hatte, stürzten  mich in ein enormes Tief.  Ich bat um Versetzung. Dieser wurde stattgegeben und ich kam nach Neustadt im Schwarzwald, also ganz  weit weg.

Dort kam man mir von der Schulleitung durchaus freundlich entgegen, doch war das Leben in Neustadt eben ganz anders, als in Düsseldorf.  Zuerst vermisste ich die Stadt und das großzügige Treiben und auch die Denkart der Düsseldorfer sehr.   Hier im Schwarzwald war alles ernster, die Menschen hatten schwerere Gemüter und die Katholiken mit ihren strengen Bräuchen überwiegten. So kam es, dass ich oft in Freiburg anzutreffen war.

Ab und zu dachte ich an meinen Vater, verstand aber nicht, dass auch er von sich aus nicht nach mir suchte.   Und da ich mich nun schon einmal damit abgefunden hatte, nur der Ersatz zu sein, wagte ich keine neuen Vorstöße, um nicht wieder enttäuscht zu werden.

Dann kam das Internet in mein Leben und die Versuchung, den Vater ausfindig zu machen, stieg.

Ich sitze hier übrigens in einem ICE der von Freiburg nach Hildesheim führt.  Dort muss ich umsteigen und in Ilsenburg werde ich abgeholt.

Dort habe ich mir eine Eigentumswohnung gekauft, die ich in vier Wochen beziehe.

Ja, jetzt bin ich Rentnerin  und  den Ersatz,  den habe ich vollkommen hinter mir gelassen.

Nach vielen umständlichen Recherchen fand ich meinen Vater und dessen Familie.

Stellen sie sich vor, ich habe zwei Halbschwestern.   Die eine, mit der ich mich besonders gut verstehe lebt in Ilsenburg, ist auch Lehrerin und fährt jeden morgen in ihre Schule nach Goslar.

Wir sehen uns ähnlich – der Ersatz sieht jemandem ähnlich – und wir empfinden auch ähnlich und mögen uns sehr.

Meine andere Schwester kommt oft zu Besuch, sie arbeitet in Braunschweig als Sozialpädagogin, dann machen wir zu dritt die Welt unsicher.

Mit meinem Vater hatte ich noch wunderbare zwei Jahre bevor er starb.  Wir konnten uns glänzend unterhalten, und ich verstand auch, dass er sich nicht gemeldet hatte.  Er hatte Angst, dass meine Mutter denken könnte, er erhebe Ansprüche auf mich. Das hätte sie nie verkraftet.

Und Sie, die sie hier neben mir im ICE sitzen,  kommen sie mich bitte mal besuchen,  Ilsenburg ist doch nur ein Katzensprung von Hildesheim, ich möchte ihnen so gerne meine Familie vorstellen……..

Blut ist dicker als Wasser ….

 

 

 

Mila Nabel