Ein Tag vor Weihnachten

Schon als Schüler spielte ich begeistert Doppelkopf - dieses Fieber grassierte in unserer Klasse so stark, dass wir selbst im Landschulheim mit der Taschenlampe unter der Bettdecke spielten.

Inzwischen waren aus uns Doppelkopfbrüdern Studenten geworden. Der eine studierte in München, der andere in Kiel. Anfänglich hielten wir wöchentlich Kontakt, aber dann nahm uns das Studium in Anspruch, wir lernten neue Menschen kennen, und verloren uns aus den Augen.

Zu Weihnachten, da würden wir uns sehen können. Wir waren Anfang 20 und freuten uns, am Heiligen Abend zu Hause zu sein. Soweit die Geschwister nicht verheiratet waren, kamen auch diese und ich genoss das Zusammensein und das Vertraute.

Am 23. 12. - Thomas war erst um Mittag eingetrudelt - war klar, dass wir gegen Abend einen anlegten, es juckte bereits in den Fingern.

Im Gasthaus zur Linde gab es einen runden Tisch, den wir reserviert hatten.

Am Tage hatte ich Vater geholfen den Tannenbaum anzuspitzen, damit er in den Ständer passte - dann beäugten wir den Baum von allen Seiten, um ihn schließlich

so hinzustellen, dass seine Schokoladenseite nach vorn zeigte.

Ein schöner Baum - Mutter hatte mich gebeten, ihn zu schmücken, normalerweise machte das meine Schwester aber die hatte irgendeinen anderen Auftrag bekommen und das Schmücken blieb an mir hängen.

Pünktlich um 20.00 Uhr lagen die Karten auf dem Tisch - wer gibt ? man hatte sich kaum begrüßt und überhaupt noch nichts persönliches gesprochen, da wurde schon gemischt. Drei Pflichtsoli und Lüsteln auch, wurde gefragt. Na klaro, wie gehabt.

Das erste Bier gleich ex, als Student hatte man schließlich Übung - wir spielten um 5 Punkte und schrieben auf. Bei jeder Schnapszahl eine Runde Klaren , wozu heißt die denn sonst so. Nach einem gewonnenen Lüstling fiel mir der Tannenbaum ein, der noch geschmückt werden wollte.

Nach 3 Stunden spielten wir "schwarze Sau" die Konzentration hatte nachgelassen - schließlich war man aus der Übung und einige sprachen jetzt sogar privat. Mir war ziemlich schummerig, sogar schon etwas übel, aber ich

wußte, dass der Weihnachtsbaum auf mich wartete und je länger der Abend wurde, desto mehr dachte ich daran.

Von da an verläßt mich mein Gedächtnis - ich weiß nur noch, dass Mutter am nächsten Morgen sagte, komm doch bitte mal runter und sieh dir den Baum an.

Jeder Schritt auf der Treppenstufe schmerzte - es war, als ob ein Messer durch mein Gehirn fuhr - und dann traute ich meinen Augen nicht.

Der Baum stand da in einer ganz außergewöhnlichen Pracht. Ich hatte ihn mit Mortadella-Wurst geschmückt, die Scheiben sorgfältig auf die Tannenspitzen aufgespießt und sogar eine Anordnung getroffen. Oben hingen die kleineren

Scheiben, unten die größeren und schweren.

Das Ganze liegt 40 Jahre zurück - einen Fotoapparat hatten wir nicht - nur gerade das Geld um neue Wurst zu kaufen.

Trotzdem vergeht kein Weihnachten, an dem die Mortadella-Geschichte nicht auf den Tisch kommt.

Meine eigenen Kinder sind jetzt in einem Alter, dass sie milde lächelnd verstehen läßt - unnötig zu sagen, dass nach wie vor, sobald die Familie zusammen kommt, die Karten auf den Tisch kommen. Wer gibt ?

Fröhliche Weihnachten.....

Mila Nabel