Geheime oder gemeine Freuden

Herr Hugo Flöter, der sich anlässlich eines Kleintierkongresses in Murnau aufhielt, nutzte anschliessend für vier Tage die Gelegenheit, sich München einzuverleiben.Aus finanziellen Gründen wohnte er in Feldkirchen, einem Ort in Richtung Erding. Dort hatte eine Pension mit gepflegter Küche und gemütlichen Gasträumen gewählt.
Er bekam ein Doppelzimmer zum Einzelzimmerpreis und hatte die Qual der Wahl. Welches Bett sollte er nehmen, das am Fenster, wegen der besseren Belüftung oder das, was näher an der Toilette lag oder sollte er sich so betten, dass in dem noch freien Bett eine imaginäre Frau hätte Platz haben können.

Er entschied sich für die letzte Variante - man kann ja nie wissen.

Dann besorgte er sich eine Streifenkarte für Erwachsene der Münchner Verkehrsbetriebe. Diese hat die Größe einer längshalbierten Postkarte und wird unterteilt durch 10 Streifen ca. 1 cm breit.
So ausgerüstet fuhr er bis zum Münchner Hauptbahnhof und fing an, die Stadt mit der ihm eigenen Gründlichkeit zu durchforsten. Von Süd nach Nord und umgekehrt, also von Ost nach West.
Es ist ein Leichtes, man braucht sich nur an die Plätze zu halten, also sich von Platz zu Platz durcharbeiten, was bedeutet, dass man nicht so schnell ermüdet, da es in schneller Folge zu Aha-Erlebnissen kommt.

Vom Bahnhofsplatz über den Stachus zum Marienplatz, weiter über den Sebastiansplatz zum Jakobsplatz und dann zum Gärtnerplatz - wer gut zu Fuß ist oder akribisch Städte auflistet, geht weiter bis Maria-Hilf.
Zurück in anderer Richtung stutzt man. Geht doch der Lenbachplatz in den Maximiliansplatz über, man ist verwirrt, wieso das, nicht einmal 200 Meter dazwischen. Ein Abstecher zum Odeonsplatz, weiter zum Karolinen - und Königsplatz ein reines Vergnügen und so übersichtlich, wie gesagt, eine einzige Hangelei von Platz zu Platz, und was für Plätze, wunderbare Plätze.

Aber zurück zur Streifenkarte. Dort heißt es - diese Karte wird erst nach Entwertung zur Fahrt gültig, dacht ich's mir doch. Zählen sie dazu die erforderliche Streifenzahl nach der Nummernfolge ab und knicken sie die nicht benötigten Streifen nach hinten. Führen sie die Karte in Pfeilrichtung in den Entwerter ein. Der Stempelaufdruck entwertet den abgestempelten Streifen und leere Streifen mit niedrigerer Nummer. Kurzstrecke = Fahrt bis zur vierten Haltestelle, davon aber nur 2 Haltestellen mit S oder U-Bahn.
Demnach musste Hugo zwei Streifen stempeln lassen, denn während der 20-minütigen Fahrzeit nach München hielt die S-Bahn mehr als zweimal, darauf zu kommen, war relativ einfach.
Im Zug sitzend wurde Hugo jedoch sehr verunsichert durch den Vermerk auf der Rückseite der Streifenkarte, wo es hieß:

Höchstfahrzeiten: Kurzstrecke - 1 Stunde
1. Zone - 3 Stunden
2. Zone - 4 Stunden

Warum sollte er für einen Weg von 20 Minuten ganze 4 Stunden brauchen ?
Möglicherweise wollte man damit Touristen entgegenkommen, die ihren Schirm vergessen hatten, wer weiß, was sich da die Städtewerbung wieder ausgedacht hatte.

Am Abend des ersten Tages - Hugo fuhr nach Hause, die Streifenkarte in der Hand haltend, fiel ihm auf, dass die ersten beiden Stempel einem Hauch glichen, blässer als blassblau und die darauf folgenden zwei, ein tiefes violett aufwiesen.
Am nächsten Morgen knickte er die nicht benötigten Streifen brav nach hinten und ließ wiederum 2 Streifen entwerten. Die Entwertung war kaum zu ahnen, obwohl der Entwerter ein scharfes Klicken hatte hören lassen.
Während der Fahrt überlegte Hugo, wo er am Abend des ersten Tages hatte entwerten lassen, war das am Stachus vorne rechts gewesen oder war es der Apparat der links von den Rikschafahrern stand, der am Marienplatz ?
Er hatte Zeit, den ganzen Tag darüber nachzudenken und riskierte am Abend das Entwerten am Marienplatz, ohne vorher die nicht benötigten Streifen nach hinten zu knicken. Und siehe da, es ergoss sich eine tieflila zähe Masse, ähnlich Schneckenschleim auf seine Streifen vom Vormittag.

Die Sache war geritzt.
Er konnte seine ganze Aufmerksamkeit Museumsbesuchen widmen und ohne Skrupel ein zweites Weizenbier trinken.
Feldkirchen, es gibt dort nur einen Entwerter und zwar steht der vorne links in Handhöhe, kurz bevor man die Treppe hinabsteigt, entwertete immer noch blässer als blassblau.

Wäre Herr Flöter luxuriöser abgestiegen, hätte er vielleicht sogar im Bayrischen Hof gewohnt, dann wäre er um dieses sinnliche Vergnügen, den das Verdunsten des violetten Schneckenschleims auf amtlichen Papier der Münchner Verkehrsbetriebe bereitet hat, betrogen worden - so hat eben alles im Leben seine schönen Seiten.

Mila Nabel