Der Sylvesterlauf

Hugo Schneider ist in erster Linie Sportler und dann erst Hausmeister und das an der Fachhochschule für Sozialwesen.

Er ist mittelgroß, kräftig und hat blaue Augen. Meistens trägt er eine Mütze. Beim Training ist es eine aus Wolle oder eine mit Schirm; bei der Arbeit und da auf jeden Fall, wenn er im Heizungskeller zu tun hat, einen undefinierbaren Filzhut.

Wer Hugo gut kennt, weiß. dass er eine Glatze hat, hinten von Ohr zu Ohr durch einen grauen Haarkranz gemildert. Hugo ist Läufer, begeisterter Läufer, erfolgreicher Läufer und Läufer unter erschwerten Bedingungen. Er trainiert alle Disziplinen. Den 100-Meter Lauf hat er aus Altersgründen aufgegeben. Er verliert zu viel Zeit beim Start. Ansonsten läuft er alles, die 200m, 400m und auch noch die 5000 m.

Ich kenne ihn schon sehr sehr lange, dennoch habe ich noch nie ein persönliches Wort mit ihm gewechselt, also eins, was über den Sport hinausginge.

Hugo lebt ohne Frau und ohne Hund. Kaum zu erwarten, dass er je verheiratet war. Seine berufliche Funktion füllt ihn ebenfalls ganz aus. Er liebt saubere Fußböden, gutriechende WC's und lautlos gleitende Fensterflügel.

Der Heizungskeller ist seine Höhle und sein Heiligtum zugleich. Dort hängen seine blaugrauen Kittel und dort steht die Aktentasche mit der Thermosflasche und den Butterbroten. Die Aktentasche gehört ebenso zu ihm, wie die zahlreichen Kopfbedeckungen. Seine Einkäufe werden nie mit Stoffbeuteln, oder gar Plastiktüten getätigt, nein, alles kommt in die Aktentasche.

Hugo kennt sich in Läuferkreisen aus. Er weiß, was Meyer anno 94 bei den Trimmspielen lief und dass Hofmann Meyer anno 98 abhängte. Das ist seine Welt und in der hat er ein fabelhaftes Gedächtnis. Dieses sportgeschichtliche Wissen und sein Ehrgeiz zeichnen ihn aus. Hugo trainiert überwiegend in den Hängen des Ith aber auch an der Innerste kann man ihn laufen sehen. Dort läuft er mit Bleiweste - Tag für Tag hält er sich fit. Fast jede Woche nimmt er an Veranstaltungen teil und fährt dorthin bis zu 250 km. Da läuft er dann ohne Weste und das gibt ihm das Gefühl, leicht wie ein Vogel zu sein.

Wenn der Startschuss fällt, hebt er ab, sein ganzer Körper drückt Glücksgefühle aus.

Lange, sehr lange Zeit war ich fern der Heimat und verlor ihn aus den Augen - wer aber heute wissen will, wer wie und wie schnell läuft, der muss am letzten Tag des Jahres zum Marktplatz gehen. Dort endet der Sylvesterlauf.

Aus dem Lautsprecher tönt: "Und jetzt Applaus für Hugo, der mit 82 Jahren der älteste Teilnehmer ist und ins Ziel läuft."

4 Grad Kälte, Ostwind, Schneetreiben und Glatteis - trotzdem wird mir warm ums Herz - Hugo läuft noch !!!

damit ist das Leben für mich in Ordnung.

Mila Nabel