Der Apotheker oder die Apotheker

Onkel Georg war in das Haus seiner Nichte Elvira eingezogen. Elvira war geschieden und bewohnte das Haus mit ihren vier Kindern. Während des Hausbaus ging die Firma, bei der Elvira sich verpflichtet hatte, Pleite,und das gerade als der Rohbau fertig war. Onkel Georg sprang mit 40.000.- DM ein, stellte aber Bedingungen. Er wollte auch in dieses Haus ziehen, wenn er sich nicht mehr allein versorgen konnte. Elvira griff nach dem Strohhalm , man ging zum Notar und die Sache hatte ihre Ordnung..

Onkel Georg war Junggeselle und Apotheker, hatte aber nach dem Krieg beruflich nicht mehr Fuß fassen können. Er wirkte unselbständig, wollte aber immer nur das Beste für seine Nichte und deren Kinder.

Den Kindern bot er Hausaufgabenhilfe- besonders in Latein und Griechisch- an. Für die Nichte suchte er nach Männern, was der Nichte aber erst später klar wurde.

An einem Sonnabend sagte er Elvira, dass er Besuch bekäme von einem ehemaligen, viel jüngeren Kollegen. Er bat Elvira Kuchen zu backen. Elvira war aber gerade damit beschäftigt ihr Sportabzeichen zu machen und musste auf den Sportplatz. Sie kam dem Wunsch des Onkels insofern nach, dass sie Prilken mitbrachte, mancherorts heißen die Berliner oder Pfannkuchen, wenn Sie immer noch nicht wissen was ich meine, es sind die in fettgebackenen Kugeln in Zucker gewälzt und mit Marmelade oder Pflaumenmus gefüllt.

Also diese Prilken brachte sie mit, deckte den Tisch so, wie es der Onkel gern hatte und kam mit dem Kaffee, als der Onkel und der eingeladene Apotheker schon im Gespräch vertieft waren. Beide Herren widmeten ihr ihre Aufmerksamkeit und die Konversation begann von Neuem.

Elvira musterte den Apotheker, er schien ganz nett zu sein und auch vom Alter her irgendwie passend. Dann fing man an zu essen und da war es dann ganz klar, dass aus der Sache nichts werden konnte. Der Apotheker nahm den Pfannkuchen und biss zaghaft hinein, dann legte er ihn wieder artig auf den Teller. Und nun, 1 Sekunde später, hielt er die Hand ca. 30 cm über dem Teller und rieb mit dem Daumen die anderen Finger ab. Es war offensichtlich, dass der Zucker ihn störte.

Das Ritual wiederholte sich nach jedem Abbiss. Da der Apotheker nicht kleckern wollte, biss er vorsichtig zu, um dann umso vehementer das Reiben seiner Finger zu betreiben. Auf diese Art aß er zwei Prilken.

Für Elvira war die Sache erledigt, für nichts in der Welt hätte sie mit diesem Menschen zusammen leben können.

Heute kennt Elvira wieder einen Apotheker, den sie sehr gern hat und den sie mag, aber der kommt auch nicht infrage, der ist verheiratet, und außerdem hat sie ihn noch nie Prilken essen sehen.

Mila Nabel