Das Fotoalbum oder die Fotoalben

Wer Elvira bereits kennt, ahnt sicher, dass diese nicht auf Rosen gebettet war. Es bot sich ihr ein Nebenjob jeden Mittwoch für drei Stunden.

Diesen nahm sie an, allerdings erst, nachdem sie mit ihrer Mutter Gundel gesprochen hatte. Gundel war eine Seele von Mensch. Nur Elviras Hunde hatten großen Respekt vor ihr.

Jeden Mittwoch gegen 12 Uhr fuhr Gundel mit der Taxe vor und versorgte Kinder, Hund und Katze.

Wenn Elvira zwischen vier und fünf abgespannt nachhause kam, stand der Kaffee schon auf dem Tisch und Gundel war bereit zuzuhören und auch selbst zu erzählen. Elvira bekam zu hören, wer wieviel Taschengeldvorschuss genommen hatte, wessen Hausaufgaben noch nachgesehen werden mussten, und wer am nächsten Tag eine Arbeit schrieb.

Elvira selbst erzählte ihrer Mutter, dass sie in der kommenden Woche zum Geburtstag eingeladen sei und dass das Geburtstagskind sich ein Fotoalbum wünsche. Fotoalben erfuhren in den 60er Jahren eine Renaissance, was auch Gundels Äusserung zu entnehmen war. Sie sagte - hach - Fotoalben haben wir wie Sand am Meer, da kannst du dir eins aussuchen. Sie sprach immer noch im Plural, obwohl sie seit zwei Jahren Witwe war.

Gegen Abend fuhr Elvira ihre Mutter nachhause und fand ein großes Fach voller Alben vor. Sie fragte nicht, wunderte sich aber und wusste, dass ihr Vater Nikolas, der ein brillanter Bridgespieler war, bei Turnieren manches abgeräumt hatte. Leder mit Goldschnitt sortierte sie aus, da zu konservativ, nach einigem Überlegen entschloss sie sich für ein Querformat, das mit Stoff bezogen war. Der Stoff hatte längliche, also senkrechte graue Streifen, die an Stahlträger erinnerten. Auf diese Stahlträger hatte man Blümchen gestreut, wohl um die strenge Form zu lindern.

Das Album wurde liebevoll eingepackt mit Geschenkband versehen, also geschenkfertig gemacht.

Der Geburtstag kam und er verlief wie alle Geburtstage - es gab nichts besonderes. Man sprach über die Callas, und dass diese jetzt nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen sei. Einige der Gäste besaßen bereits einen Fernseher und luden zu Opernabenden ein. Dort standen dann Salzstangen und Zigaretten, möglichst sortiert in extra dafür vorgesehenen Behältern für die Freunde bereit - aber zurück zum Geburtstag.

Hier war man inzwischen beim Thema Bridge angelangt, was auch eine Renaissance erlebte. Am Abend verabschiedete man sich fröhlich - man sah sich irgendwann ja wieder.

Drei Tage später bekam Elvira einen Anruf. Das Geburtstagskind war am Apparat und sagte, du wirst es nicht glauben, aber auf einer Seite sind drei Bilder eingeklebt - Elvira war wie vom Blitz getroffen und wünschte, dass sich die Erde auftun würde. Doch der Boden unter ihr blieb fest. Kurz entschlossen fuhr sie in den allerbesten Laden, guckte nicht nach dem Preis und erstand ein wunderschönes Exemplar.

Dem Geburtstagskind erzählte sie die Wahrheit, nicht zuletzt deshalb, weil sich keine Notlüge finden ließ.

Bis zum Tod von Gundel nahm das Stahlträger-Blümchen-Album einen besonderen Platz unter den anderen Alben ein. Gundel glaubte nämlich, dass Nikolas noch kurz bevor er starb, dieses füllen wollte.

Elvira war anderer Ansicht, da sich die drei Fotos im letzten Drittel des Albums befanden. Sie ließ aber ihre Mutter in diesem Glauben und so hatte dieses Album zeitlebens einen gewissen Mythos.

Mila Nabel